Nicolai Hannig/Ute Schneider (Hg.): Geschichte des Ruhrgebiets. Band Der Rheinisch-Westfälische Industriebezirk bis 1914. Köln 2025 (Böhlau), S. 570, ISBN 978-3-412-53110-2
Der als dreibändiges Grundlagenwerk konzipierten Darstellung der Geschichte des Ruhrgebiets liegen konzeptionell die Leitbegriffe „Raum“, „Wirtschaft“, „Gesellschaft“ sowie „Alltagskultur und Lebenswelt“ zugrunde. Es strebt eine geschichtswissenschaftliche Gesamtdarstellung für ein breites Publikum an, will den Forschungsstand zur Ruhrgebietsgeschichte zusammenfassen, die existierenden Narrative auch aus bisher eher ungewohnten Perspektiven hinterfragen und einen Beitrag zu den gegenwarts- und zukunftsbezogenen Identitätskonstruktionen des Ruhrgebiets leisten. Die Struktur der drei Bände ist nicht als Sammlung einer Vielzahl kleinerer Beiträge konzipiert, sondern als Zusammenstellung aufeinander bezogener kleinerer Monographien, die es erlauben, die jeweiligen Themen in größerer Breite darzustellen. So umfasst dieser erste Band fünf Beiträge. Hiram Kümper arbeitet die vorindustriellen Grundstrukturen heraus, Ute Schneider beschäftigt sich mit Raumbildern und Raumvorstellungen und der Frage, wie sich in einer nicht klar definierten Region das „Ruhrgebiet“ entwickelte. Eva-Maria Roelvink, geht den Beziehungen zwischen Arbeiterschaft und Unternehmertum sowie dem Gedanken nach, dass die wirtschaftliche Entwicklung der Region im 19. und frühen 20. Jahrhunderts keineswegs eine des permanenten Aufschwungs gewesen ist. Timo Luks untersucht die Entstehung der regionalen Industriegesellschaft, die dann bei Wilhelm Brepohl zum „Ruhrvolk“ wurde, bezieht jedoch gerade die sozialen Ränder ebenso mit ein wie die über Jahrzehnte andauernde innere Mobilität, die Konsolidierung behinderte und Instabilität förderte. Nicolai Hannig beschäftigt sich schließlich mit den (städtischen) Umfeldern, den Hygiene-, Wohn- und Freizeitverhältnissen.
Insgesamt kommt dieser erste Band seinem Ziel nach, die Geschichte des Ruhrgebiets unter anderen, ungewohnten Blickwinkeln zu betrachten. Auch wenn faktisch wenig Neues präsentiert wird, werden „neuartige“ Aspekte in den Vordergrund gerückt: im Verlauf der frühen industriellen Entwicklung nahmen die sozialen Unterschiede eher zu als ab, weiträumiges Chaos dauerte über Jahrzehnte an. Nicht zuletzt wegen mangelnder Kenntnisse – über die Potentiale des Raumes wie die der technischen Prozesse – war die Phase bis 1914 in vielen Bereichen von try and error und letztlich auch von beträchtlichen finanziellen Verlusten geprägt. Neben den zunehmend organisierten Montanindustrien entwickelten sich andere, heterogene Wirtschaftsbereiche.
Überwiegend wird der Band von einem wirtschafts- und sozialhistorischen Grundtenor getragen. Dabei werden allerdings Fragen der Urbanität, der Unfertigkeit der sich ausbreitenden „Städte“, der quantitativen und qualitativen Überforderung ihrer Verwaltungen, gleichzeitig aber auch der Wünsche nach städtischer Ausstattung und städtischem Flair, generell die Fragen der Entstehung von „Industriestädten“ und ihrer Ausgestaltung bestenfalls „über Bande“ durch die Darstellung ihrer sozialen Symptome behandelt. Hier hätte gerade bei dem gesetzten Leitbegriff „Raum“ auch
- 24. Dezember 2025
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Hans-Peter Noll/Heinrich Theodor Grütter/Peter Feierabend (Hg.): Zollverein. Unesco Welterbe/Unesco World Heritage. Berlin 2025, 304 S., ISBN 978-3-948272-22-7
Das Welterbe Zollverein in Szene zu setzen ist mit diesem großformatigen Bildband und den ästhetischen Fotos von Thomas Stachelhaus hervorragend gelungen. Die Bilder tauchen ein in die Vielfalt der Gebäude und Anlagen zwischen Schachtgebäude und Kokerei. Sie leuchten aber nicht nur die konservierte strenge Schönheit der Industriegebäude aus, sondern auch, in wie vielfältiger Weise neue Unternehmen und Unternehmungen sich in diese Gebäude so eingepasst haben, dass in Wechselbeziehungen neue, zum Teil nicht erwartete Formen von Raumästhetik entstehen. Ein Dialog zwischen Hans-Peter Noll und dem Architekten Heinrich Böll gibt als Einführung einen facettenreichen Einblick in die konzeptionelle und materielle Entwicklung des Geländes und seiner alten und neuen Bauten seit dem Ende der Kohleförderung. Ein attraktives Buch, nicht nur für den coffee-table.
- 24. Dezember 2025
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Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen (ISG)/Daniel Schmidt: Gelsenkirchen in Geschichte und Gegenwart. Stadtansichten aus 150 Jahren. Schriftenreihe des ISG, Sonderveröffentlichungen Essen 2025, 200 S., ISBN 978-3-8375-2704-9
Aus Anlass des 150jährigen Stadtjubiläums präsentiert dieser empfehlenswerte Band mittels der vielfach angewandte Methode der Gegenüberstellung von „Gestern/heute“-Bildpaaren Einblicke in den wirtschaftlichen und städtebaulichen Wandel der – wie es die Stadtwerbung vor Jahren nannte – industriellen Großstadt Gelsenkirchen. Den historischen Aufnahmen aus dem Stadtarchiv wurden Fotos von Thomas Robbin und – wo sachlich geboten – Drohnenaufnahmen von Gerd Kaemper gegenübergestellt. Sie zeigen eindeutig städtebauliche Fortschritte, die aus der baulichen Unordnung der Jahrhundertwende eine repräsentative Stadt gemacht haben; so wurde z.B. in der Innenstadt eine bauliche Enge, wenngleich vielleicht heimelig, an etlichen Standorten in repräsentative weite Räume umgestaltet. Gelegentlich mag man sich als Ortskundiger jedoch auch fragen, ob der eine oder andere Abriss und Wiederaufbau während der städtebaulich (über)prägenden Boomphase der 1970er Jahre wirklich notwendig gewesen ist. Ein intensiveres Hinsehen macht nämlich auch deutlich, dass die heutige Attraktivität mancher Standorte lediglich auf einem Make-over der bereits in den historischen Fotos sichtbaren Potentiale beruht. Verschwunden sind fast alle industriellen Produktionsstandorte; auf ihnen finden sich heute gestaltete/ungestaltete Freiflächen oder gänzlich neue gewerbliche Nutzungen – beides Produkte des immer noch laufenden wirtschaftlichen und städtebaulichen Wandels.
- 24. Dezember 2025
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Huszka, Viktoria: #ruhrgebiet. Visualisierungen einer Region im sozioökonomischen Kontext. Bonner Beiträge zur Alltagskulturforschung 14, Münster/New York (Waxmann) 2024, 308 S., ISBN 978-3-8309-4925-1; E-Book ISBN 978-3-8309-9925-6
Diese Dissertation beschäftigt sich mit der Frage, welche Visualisierungen (imaginaries) das Ruhrgebiet in seinem Strukturwandel in den sozialen Medien, im speziellen Fall auf Instagramm, erfährt; sie geht dabei von der These aus, dass dieser Strukturwandel und alle planerischen und medialen Bemühungen dem Ruhrgebiet noch keine eindeutige neue Identität gegeben haben. Intensiver untersucht die Verfasserin als voneinander unterscheidbare Bedeutungsarrangements die imaginaries des Ruhrgebiets als urbane Metropolregion, als kreative Wissensregion und als lebendige und grüne Freizeitregion. Wie und mit welchen Vorstellungen Akteure auf Instagramm diese imaginaries bedienen und ausgestalten, ist Gegenstand einer Reihe von qualitativen Interviews. Die Studie zeigt, wie sich zivilgesellschaftliche, administrativ-institutionelle und ökonomische Akteurinnen und Akteure zur Aufwertung der Region zusammenfinden und welche Vorstellungsbilder diese Gruppen produzieren. Diese sehr interessante, wenngleich in einigen Kapiteln etwas unstrukturierte Studie ist“ coronageschädigt“. Wie die Verfasserin einräumt, musste die Feldphase abgebrochen werden, sodass einige Fragestellungen offenblieben. Der insgesamt langen Bearbeitungszeit ist es auch geschuldet, dass – ungeachtet des Wertes der gezogenen Schlussfolgerungen manche in den Interviews (von 2016 bis 2018) geäußerten Ansichten und Wertungen seltsam aus der Zeit gefallen erscheinen und wahrscheinlich heute (7-9 Jahre später) nicht mehr so geäußert würden.
- 24. Dezember 2025
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