Gartenstädte und Zechenkolonien. Beispiele im Ruhrgebiet und in Nordwestdeutschland.

Gartenstädte und Zechenkolonien. Beispiele im Ruhrgebiet und in Nordwestdeutschland.

Gerhard Kaldewei
Münster (Aschendorff) 2018, 199 S., ISBN 978-3-402-13275-3, € 39,90

Dieses Buch, verfasst vom ehemaligen Leiter des Nordwestdeutschen Museums für IndustrieKultur in Delmenhorst, ist ein schwieriges. Es ist der Versuch, industrielles Wohnen im Ruhrgebiet und, mit dem Beispiel Delmenhorst, im westfälischen Textilgebiet in den historischen Rahmen sich wandelnder gesellschaftlicher Bedingungen und sich entwickelnder architektonisch-städtebaulicher Konzepte zu analysieren und zu bewerten. Dies geschieht in den drei Kapiteln „Von der Lebensform zur Gartenstadtbewegung“, „Werkbund, Heimatbewegung, Zechenkolonien“ und „Industriekultur“; eingestreut in diese Kapitel sind Exkurse, in denen fünf Siedlungen in ihrer historischen Entwicklung präsentiert werden. Die Arbeit basiert auf einem recht umfangreichen Literaturverzeichnis, mit dem Schwerpunkt vor 2000; von den eigenen (nicht historischen!) Fotos, die die aktuelle Struktur der Siedlungen verdeutlichen soll, sind nur etwa fünf jünger als 1990. Zusätzlich zu dieser „angestaubten“ Anmutung wird die Intention des Autors nicht klar, zum einen weil es weder eine entsprechende Einführung, noch ein wertendes Schlusskapitel gibt, zum anderen weil er sich, außer bei den Sachdarstellungen der Exkurse, fast gänzlich hinter einer hohen Dichte von Zitaten versteckt. Damit gelingt es, eine weitgehend sachgerechte Kompilation zu erstellen, wenngleich die Auswahl der Siedlungen die Tendenzen vorgibt, zugleich aber auch wieder die sattsam bekannten Fehler produziert; Eisenheim entsteht in der „Ödnis“ des späteren „nordamerikanischen“ Oberhausen, Osthaus‘ Hohenhagen ist zu Recht eine herausragende Antithese, die Delmenhorster Nordwolle-Kolonie steht für paternalistische Gesinnungen einiger Industrieller, für die Überhöhung der Gartenstadtidee wird einmal mehr fälschlicherweise, weil von Metzendorf ausdrücklich abgelehnt, die Margarethenhöhe vereinnahmt; als Beispiel für die hundert „Normalfälle“ steht die Kolonie Maximilian in Hamm. Alles, was in dieser Kompilation abgehandelt wird, ist bereits bekannt und häufig besser dargestellt worden. Im letzten Kapitel macht sich zudem die Außensicht des Autors bemerkbar; diese ist nicht – wie sie es sein könnte – inspirierend, sondern führt zu Fehleinschätzungen, z.B. über die IBA, oder – wieder versteckt hinter ausgewählten Zitaten – gar zu Häme, z.B. über die Kulturhauptstadt und über den Identität stiftenden und ökonomischen Wert der Industriekultur. Hier hätte der Autor besser eine differenzierte Diskussion über das labile Gleichgewicht zwischen der Identifikation mit und einer kritischen Distanz zur Region und ihrem industriekulturellen Erbe führen sollen; genügend Quellen für Zitate hätte er dazu gefunden.