
Borgmann, Werner und Werner Bochmann (Hg.): Monsieur Paillot im Nirgendwo. Land und Leute aus der Sicht eines Revolutionsflüchtlings am Vorabend des Reviers. Bottrop 2020, 95 S., ISBN 978-3-942094-3-4
Jules Huret, Das Revier um 1900. Zu Besuch in der „reichsten Gegend von ganz Deutschland“. Bottrop 2025, 167 S., ISBN 978-3-948566-27-2
Der Bottroper Verlag Henselowsky Boschmann präsentiert zwei historische Reiseberichte über das Ruhrgebiet. Beide Bücher sind nicht zuletzt wegen ihrer unverfälschten Authentizität interessante Darstellungen des Lebensgefühls und des Zeitgeistes vor 100 bzw. 200 Jahren.
Pierre-Hippolyte-Léopold Paillot, Gerbermeister und Mitglied des Magistrats der nordfranzösischen Stadt Condé, war als Anhänger des bürgerlichen Standes Teil der Flüchtlingswelle, die ab 1792 der Schreckensherrschaft Robespierres zu entkommen suchte und ins Exil auf die rechte Rheinseite flutete. Dabei scheint die „Flucht“ nicht überstürzt gewesen zu sein, denn Paillot reiste mit Fuhrwerk und Einspänner, mit großem Gepäck, drei Kindern und fünf Bediensteten. Auch war das „Exil“ offensichtlich nicht als endgültig geplant, sondern Paillot blieb in grenznahen Gebieten und kehrte nach 16 Monaten im November 1795 wieder nach Condé zurück. Bis dahin besuchte er verschiedene Städte zwischen Wesel und Köln, Mülheim und Hagen, darunter auch die „trostlose“ Stadt Essen, in der er überall „nur die größte Unsauberkeit“ erblickte. In der kleinen Stadt Steele gab es dagegen eine schöne Schule und eine Glasbläserei, aber auch eine lange Liste von Geldbußen bei Fehlverhalten im Straßenverkehr. Paillots Urenkel René äußerte sich über den Bericht seines Vorfahren: “Die Personen, von denen hier die Rede ist, waren keine Akteure, sie waren lediglich Opfer. Ihre vertraulichen Mitteilungen sind wahrscheinlich nicht von sehr bedeutungsvollem Rang für die Erkenntnisse der Weltgeschichte ganz allgemein; aber da sie mit Gewissheit ehrlich sind, sind sie wertvoll. Hals über Kopf verließ man damals sein Vaterland, wie ein Blatt vom Sturm verweht; aber nur wenige dachten daran, einem Tagebuch ihre intimen Eindrücke anzuvertrauen.“ Beigegeben sind dem „Journal d’un émigré“ Karten und Ansichten der besuchten Orte.
Jules Huret besuchte die Region gut ein Jahrhundert später. Er war ein weitgereister Journalist aus Paris, der aus dem Deutschen Reich berichtete. Seine Kolumnen, die als Vorabdruck in „Le Figaro“ erschienen, wurden 1907 bis 1910 in dem vierbändigen Werk „En Allemagne“ zusammengefasst, wobei sich der erste Band mit „Rheinland und Westfalen“ befasst. Daraus wurden die Texte über das Ruhrgebiet für die vorliegende Veröffentlichung entnommen. Hurets Texte über das Ruhrgebiet, das er für den „glänzenden Mittelpunkt preußischen Reichtums“ hielt, umfassen zum einen ausführliche Unternehmensdarstellungen, wobei er mit August Thyssen zusammentraf und mit Fritz Thyssen eine Rundfahrt durch den Duisburger Hafen unternahm. Da ihm die Kruppschen Werke in Essen als veraltet geschildert wurden, besuchte er das moderne Werk in Rheinhausen; als geladener Gast übernachtete er jedoch im Krupp-Hotel „Essener Hof“ mit anderen geladenen Gästen aus vielen Ländern, die alle die Kruppwerke besichtigten. Da zur Zeit seines Aufenthalts die verwitwete Margarethe Krupp nicht in Essen war, kam es zu keiner Einladung in die Villa Hügel. So ist Hurets Beschreibung der Villa Hügel und des Lebens in ihr ein amüsantes Kabinettstückchen, bezieht er sich doch nur auf Hörensagen, Mutmaßungen anderer und daraus von ihm gezogene Schlussfolgerungen. Amüsant sind auch die Kapitel des Buchs, in denen Huret versucht, seinen Lesern deutsche Denk- und Verhaltensmuster nahezubringen. Da ist die deutsche Disziplin, die einem „unangenehm zum Bewusstsein gebracht“ wird, aber eine bewunderungswürdige Ordnung schafft. Zumindest merkwürdig sind auch die teutonische Fröhlichkeit, die sich einem Franzosen nicht erschießt, sowie die Rechthaberei bis zur Streitsucht. Von der Kochkunst versteht man in Deutschland sehr wenig, da „der Deutsche in der Hauptsache Kohlesser ist“. Hinsichtlich Geschmack und Kunst wissen die Deutschen „sehr gut, dass ihr Geschmack noch der Bildung bedarf“. Bei aller, manchmal kleinlichen homophoben Kritik reiste er jedoch mehrere Jahre durch Deutschland und auch das Revier und wird dabei von folgender Überzeugung getragen: „ Das Deutschland Werthers‘ und das Deutschland Moltke’s ist tot – falls es je existiert hat. Was sich jetzt unseren Blicken darbietet, ist das vielseitige und komplizierte Aufblühen einer alten, aber armen Rasse, der endlich das Glück lacht und die sich überrascht und hocherfreut ans Werk begibt, sich kühn – sogar sehr kühn – in moderne Unternehmungen und Spekulationen hineinstürzt und sich ohne Säumen jeden erlaubten Komfort genehmigt, da sie die Absicht hegt, alle Stunden, die nicht von harter Arbeit und vom Schlaf in Anspruch genommen werden, an der Tafel zu verbringen.“ Dem Buch sind einige zeitgenössische Fotos der besuchten Orte, Karikaturen und Zeitungsanzeigen beigegeben.









