
Helen Wagner, Vergangenheit als Zukunft? Geschichtskultur und Strukturwandel im Ruhrgebiet. Beiträge zur Geschichtskultur, Band 45, Wien/Köln 2022, 590 S., 34 Abbn., ISBN 978—412-52594-1
Seit 2020 kamen jährlich drei bis vier Millionen Touristen ins Ruhrgebiet, angezogen von einem in Europa hinsichtlich Größe und Vielfalt einmaligen Ensemble von Industriebauten und -anlagen, die meisten von ihnen - vom Welterbe Zollverein abwärts - geschützte Baudenkmäler. Mit der Internationalen Bauausstellung Emscher Park (1989-1999) erfuhren diese Objekte eine wachsende Wertschätzung, ihre Neunutzung – meist jedoch als Museen -, sie wurden Bestandteile der „Route der Industriekultur“ und damit wesentliche Grundlage der aktuellen Tourismusaktivitäten in der Region.
Seit der ersten Bergbaukrise ab 1958 war das Ruhrgebiet einem fundamentalen wirtschaftlichen, demographisch-sozialen und städtebaulichen Wandel unterzogen, der in der Ruhrzone begann, auf die zentrale Hellwegzone mit der Städtereihe von Duisburg bis Dortmund übergriff und seine größten wirtschaftlichen, sozialen, städtebaulichen und planerischen Auswirkungen im Raum beiderseits der Emscher hatte. Hier setzte insbesondere die Internationale Bauausstellung Emscher Park neue Maßstäbe hinsichtlich der Bewertung der Bewertung der regionalen Potentiale und ihrer Entwicklung. Die Dissertation untersucht, inwiefern die geschichtskulturellen Maßnahmen, die mit der wertschätzenden Erhaltung schwerindustrieller Produktionsstandorte als Zeugnisse der Industriekultur begannen und im Kulturhauptstadtjahr 2010 gipfelten, als Reaktion auf die unsicher gewordene Zukunft einer regionalen Ruhrgebietsidentität verstanden werden können.
Auf der Basis einer beeindruckenden Literaturliste werden neben der Erweiterung der Forschung zum Strukturwandel auch Fragen der Geschichts- und Erinnerungskultur aufgegriffen. Die Analyse von Geschichtskultur als Feld von Zukunftshandeln soll einen Beitrag zur Erklärung des Erinnerungs-, Museums- und Geschichtsbooms der letzten dreißig Jahre leisten. Zwar ist die Bewertung der industriellen Kulturlandschaft nicht mehr ganz auf der Höhe des Diskurses und scheint häufig noch die Auffassung durch, dass die (ungeordnete) industrielle Kulturlandschaft den Gegenpol zur ästhetischen vorindustriellen naturnahen Landschaft darstellt, diese vielmehr zerstört hat und keinerlei Eigenwert besitzt, doch ist die Dissertation insgesamt eine facettenreiche und lesenswerte Arbeit.









